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WILDSCHWEIN! – PROBLEMSCHWEIN? Eine Bache mit ihrem Frischling, eingefangen von © Thorsten Hansen. Full view

WILDSCHWEIN! – PROBLEMSCHWEIN?

von: Maria Rohrer

Wildschweine leben auch in den Thurauen. Zur Zeit sind ihre Spuren auch im Gebiet unübersehbar. Die Auseinandersetzung mit diesen Wildtieren ist wichtig, denn das Thema polarisiert.

Von früher bis heute
Knochenfunde in Höhlen belegen das Vorkommen der Wildschweine seit der Altsteinzeit. Pfahlbauer domestizierten diese Wildart, sie gilt deshalb als die Stammform aller europäischer Hausschweinrassen. Die Abholzung der Wälder, die Jagd als Volksrecht und moderne Schusswaffen liessen die Wildschweine im 19. Jahrhundert fast vollständig aus unseren Wäldern verschwinden. Seit den 60er Jahren schnellen die Bestände wieder in die Höhe. Mehr Wald mit dichtem Unterholz und optimaler Deckung sowie ein reiches Nahrungsangebot sind dafür verantwortlich.

Aussehen, Eigenschaften und Lebensweise
Sie sind unverkennbar; die gedrungene Statur, die borstige Schwarte, der ausgeprägter Rüssel mit beweglicher Nasenscheibe. Der Name «Schwarzwild» weist auf die dunkle Färbung der Winterschwarte hin. Die typischen hellen Streifen der Frischlinge verschwinden nach gut fünf Monaten. Bachen, Frischlinge und selten auch Überläufer, leben gemeinsam in einer Rotte. Diese wird von einer älteren, erfahrenen Bache angeführt, sie führt die Rotte zu Äsungs- und Schlafplätzen und kennt die Fluchtfährten. Ältere Keiler leben alleine und stossen nur zur Rauschzeit zur Rotte hinzu. Das Schwarzwild wird wegen seiner Statur dem «Brechertypus» zugeordnet. Das Haupt ist keilförmig, der Rumpf ist seitlich abgeplattet und wirkt von vorne schmal. Optimal also, um sich bei Störung und Gefahr ins dichte Unterholz einzuschieben. Damit die Lichter nicht von Dornen und Gestrüpp verletzt werden, sind diese stark in den Schädel versetzt und von einer massigen Knochensubstanz des Stirn- und Jochbeins umgeben. Die auffallend langen Wimpern lösen bereits bei kleinster Berührung einen Schliessreflex des Augenlieds aus. Mit ihrem Gebrech pflügen die Omnivoren den Waldboden, die Wegränder und unzählige Ackerflächen nach passender Äsung um. Nicht nur aufgewühlte Erde sondern auch Suhlen und Mahlbäume kennzeichnen das Schwarzwildrevier. Ihr ausgeprägtes Riechvermögen übersteigt dasjenige eines Polizeispürhundes. Menschen vernehmen sie über mehrere hundert Meter. Sie gelten als extrem intelligent und äusserst anpassungsfähig. Dennoch sind sie sehr scheu und ergreifen oft, bevor man es bemerkt, die Flucht. Auf der Flucht erreichen Wildschweine trotz ihrer plumpen Gestalt, Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h. Ihre Fortpflanzungsleistung ist beachtlich, innerhalb eines Jahres kann sich der Bestand verdreifachen sofern der Winter mild bleibt, der Boden nicht gefriert, und genügend Nahrung vorhanden ist – sie also günstige Lebensbedingungen vorfinden.

Deutliche Wildschweinspuren entlang eines Waldweges in den Thurauen.
Nutzen und Schaden
Förster schätzen die Anwesenheit der Wildschweine im Wald, denn sie lockern den Boden auf und fressen zudem Mäuse und Insektenlarven, welche Baumwurzeln beschädigen. Dennoch ist das Schadenpotential des Schwarzwildes weitaus grösser als dasjenige von anderen heimischen Schalenwildarten. Die Gemüter der Landwirte werden erhitzt, wenn sich eine Rotte hinter ein Mais-, Kartoffel-, Rüben-, Raps-, oder Sonnenblumenfeld gemacht hat. Im Wald finden sie Eicheln, Buchecker, Kastanien und erfreuen sich an anderen Wildfrüchten. Dem Schwarzwild steht ein pflanzliches Übernahrungsangebot zur Verfügung, was Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen verursacht und zudem die Fortpflanzung der Tiere steigert. Allein im Kanton Zürich betrug die Schadenssumme im Jahr 2018 CHF 339‘000.– nur noch im Kanton Waadt und Aargau waren sie höher. Jährlicher Schaden in Millionenhöhe für die Schweiz – allein durch das Schwarzwild verursacht. Das Jagdgesetz verpflichtet die Landwirte zumutbare Massnahmen gegen Wildschäden zu ergreifen, bevor sie Anspruch auf Entschädigung erhalten. Zum Schutz der Ackerflächen werden deshalb sehr häufig Elektrozäune mit zwei bis drei Litzen aufgestellt. Die Zusammenarbeit der Landwirte und der Jägerschaft ist eine Grundvoraussetzung, um die Schäden und Wildschweinbestände zu verkleinern.

Jagd
Die Jagd auf diese Tiere gestaltet sich als sehr schwer und extrem zeitaufwändig. Allein für den Abschuss eines Tieres benötigt man rund 40 Stunden.

 

 

Das ist eine beachtliche Leistung der Jägerschaft, die im Jahr 2018 im Kanton Zürich 647 Tiere erlegte. Davon 163 Keiler, 185 Bachen und 299 Jungtiere (Frischlinge und Überläufer). Doch die Schwarzwildjagd wird immer mehr zum Reizthema. Tierschützer, Jäger und Landwirte sind sich nicht immer einig. So stand auch die Eröffnung des ersten Schwarzwildgewöhnungsgatters der Schweiz unter grosser Kritik von Tierschützern. Seitens Jagd, bleibt unumstritten, dass Hunde die wichtigsten Jagdhelfer auf Bewegungsjagden, Nachsuchen und bei Verkehrsunfällen sind.

Doch Tierschützer befürchteten zu viele verletzte Hunde und gestresste Wildschweine in einem solchen Gewöhnungsgatter, obwohl diese Hundeausbildung gesetzlich vorgeschrieben ist. Denn die revidierte Jagdverordnung (JSV) verpflichtet die Kantone die am Schwarzwild jagenden Hunde entsprechend auszubilden und zu prüfen. Und die Tierschutzverordnung (TschV) erlaubt die Ausbildung der Hunde im Gatter nur unter behördlicher Kontrollen und Aufsicht des Gattermeisters. Genau das, kann jetzt im sechs Hektaren grossen Schwarzwildgewöhnungsgatter in Hofstetten-Elgg, erfolgen. So werden die Hunde stufenweise an die Wildschweine gewöhnt, lernen die Sicherheitsdistanz zu wahren, die Angst zu verlieren und lernen die Wildschweine aufzustöbern und zu stellen. Somit werden sie optimal auf die Einsätze bei der Jagd vorbereitet.

Die nachhaltige Jagd auf die cleveren Wildschweine bleibt eine Herausforderung. Denn nur durch genügend Abschüsse kann der Bestand reguliert werden. Die richtige Streckenzusammensetzung ist wichtig. Im Optimalfall sollten 80-90% der Frischlinge und Überläufer und 5-10% adulte Bachen und Keiler erlegt werden. Für die Jagdgesellschaften scheint es klar zu sein, dass diese Abschüsse nicht allein durch Ansitz und Pirsch erreicht werden können. Eine effektive Regulierung des Schwarzwildes kann nur durch eine Kombination verschiedener Jagdmethoden erreicht werden. Ist der Jagddruck in einem Gebiet allerdings zu hoch, kann das Wild mit einer erhöhten Reproduktionsrate reagieren. Kurze, intensive Jagdphasen mit anschliessenden Ruhephasen werden deshalb angestrebt. Kirrungen und Ablenkfütterungen im Wald können zwar für gezielte Abschüsse dienlich sein, wird aber zu viel oder unsachgerecht Futter ausgebracht, kann dies die Reproduktionsrate erhöhen und den winterlichen Nahrungsengpass und die damit verbundene Wintersterblichkeit vermindern.

Die afrikanische Schweinepest
Währendem in der Schweiz an gewissen Orten die Wildschweinbestände explosionsartig zunehmen, dezimiert im nahen Ausland die Afrikanische Schweinepest (ASP), eine tödlich wirkende Viruserkrankung, die Wildschweinbestände massiv. Sind die Tiere mit dem Virus infiziert sterben diese innerhalb weniger Tage. Sie leiden unter hohem Fieber, fressen und bewegen sich nicht mehr und können in der Endphase der Krankheit Blutungen an Nase und Anus zeigen. Verschleppt und weiterverbreitet wird die Krankheit durch den Menschen, durch kontaminierte Kleider oder Nahrung. In einem Tierkadaver überlebt das Virus mehrere Monate, in Fleischwaren gar bis zu einem halben Jahr. Damit das Virus nicht noch schneller verschleppt wird, ist es wichtig, keine Nahrungsmittel in einem Schwarzwildgebiet liegen zu lassen. Es bleibt nur noch eine Frage der Zeit, wann das Virus die Schweiz erreichen wird. Die Afrikanische Schweinepest vermag es nicht nur Wildschweinbestände sondern auch ganze Hausschweinzuchten auszulöschen. Der Grund weshalb sie so gefürchtet ist. Wissenschaftler forschen intensiv an der Krankheit und suchen bis jetzt erfolglos nach einem Impfstoff. Da Bund und Kantone das Risiko für den Seuchenausbruch hoch einstufen, wird seit 2018 jedes erlegte, kranke oder angefahrene Wildschwein beprobt, um eine Früherkennung zu gewährleisten.

Wildschweine in der Schweiz
Die Wildschweine finden aktuell in der Schweiz optimale Lebensbedingungen vor, das wiederspiegelt sich in ihrer Ausbreitung. Sie dringen gar in Voralpengebiete vor. Bis jetzt haben sie Schweizer Städte als Einstandsgebiete noch nicht genützt – denkbar wäre es aber, wie das Beispiel von Berlin eindrücklich zeigt. Friedhöfe, Fussballfelder, Industiebrachen und Wald der fragmentartig tief in die urbanen Bereiche vordringt werden dort als Nahrungsflächen genützt. Beleuchtete Trottoirs dienen in der Nacht als Wechsel.

Fazit
Möchte man die Zahl der Verkehrsunfälle und der beschädigten Ackerflächen minimieren, so bleibt die Jägerschaft gefordert. Aktive Jagdstrategien, die die Intelligenz der Tiere übersteigen sind gefragt. Auch die Wissenschaft bleibt gefordert, wenn es darum geht, Seuchen einzudämmen. Das Wildschwein bleibt eine faszinierende heimische Wildtierart, die in unseren Wäldern nicht fehlen soll. Das Wildschweinmanagement muss zeitnah viele Antworten finden, damit unser Wildschwein nicht das Image eines Problemschweines erhält.