Topbar widget area empty.
DIE KLEINEN FÜCHSE SIND LOS Zurzeit haben wir im Aerarium des Naturzentrums Raupen des Schwalbenschwanzes. Im Bild: ein ausgewachsenes Exemplar. Full view

DIE KLEINEN FÜCHSE SIND LOS

«Kommt Kinder, wir lassen die Kleinen Füchse frei!» Ein Mädchen, das eben im Naturzentrum Thurauen eingetroffen ist, ruft: «Oh, ja, cool! Bei euch gibt’s sogar kleine Füchse?»


Als eine Mitarbeiterin zusammen mit dem Mädchen und einigen weiteren jungen Naturdetektiv*innen zu unserem Aerarium in die Ausstellungshalle geht, schauen die Kinder erstaunt und zeigen auf den Netzbehälter: «Da drin sollen junge Füchse wohnen?» Erst jetzt bemerkt die Mitarbeiterin das Missverständnis. Die Kinder erwarten flauschige Rotfuchswelpen und nicht filigrane, farbenfrohe Schmetterlinge wie diese fünf frisch geschlüpften Kleinen Füchse, die auf ihren Flug ins Leben warten. Die Enttäuschung der Kinder ist rasch verflogen. Denn gemeinsam tauchen sie in die Wunderwelt der Schmetterlinge ein. Schon den Dinosauriern flatterten Falter um die Ohren. Die bislang ältesten fossilen Funde von Schmetterlingen sind mindestens 201 Millionen Jahre alt. Heutzutage reicht die Flügelspannweite eines Schmetterlings von einigen Millimetern bis zu über 30 Zentimetern. Zu den grössten Exemplaren zählt mit einer Spannweite von 32 cm der Thysania agrippina – ein Eulenfalter, der in Südamerika lebt.

Schmetterlinge durchleben eine Verwandlung (Metamorphose): Die anfangs erdgebundene Kreatur – vom Ei, zur Raupe, zur Puppe  ̶  wird zum geflügelten Wesen und schwirrt eines Tages durch die Luft. Picken wir unter den Heerscharen von Schmetterlingsarten den Distelfalter heraus: Die Weibchen legen winzige Eier ab; diese werden an Pflanzen platziert, die für den Nachwuchs essbar sind, z.B. Brennnesseln, Malven, Disteln oder Flockenblumen. Nach wenigen Tagen schlüpfen die kleinen Raupen. Und dann ist Fressen angesagt. Je mehr die kleine Raupe frisst, desto schneller wächst sie. Viermal wird sich die Raupe häuten, bevor sie gute 40 mm lang und etwa 0.5 g schwer ist. Das Ganze dauert knapp 14 Tage. Dann wird das Fressen plötzlich eingestellt.

Die Zukunft der Raupe hängt nun an einem seidenen Faden. Sie klettert in die Höhe, befestigt sich am Hinterteil an einem festen Gegenstand, verpuppt sich und hängt kopfüber. Die Tarnung ist brillant: Für Fressfeinde wirkt die Puppe wie ein vertrocknetes Blatt. Im Innern der Puppe allerdings vollzieht sich ein radikaler Umbau ̶ ein kleines Wunder. Viele Details der Metamorphose sind auch für Forscher*innen nach wie vor ein Rätsel. Nach einer Woche ungefähr bricht die Hülle auf: Ein flugfähiger, vollständig entwickelter Schmetterling schlüpft heraus. Seine Flügel sind mit sehr empfindlichen Schuppen bedeckt. Der Distelfalter sieht die Welt nun mit Facettenaugen, die aus mehreren tausend mikroskopisch kleinen Linsen bestehen. Damit sehen sie zwar nicht scharf wie wir Menschen, aber sie können schnelle Bewegungen wahrnehmen. Anstelle einer Nase besitzt er Fühler, die mit vielen Chemosensoren bestückt sind. Damit riecht er seine Nahrung und auch den Duft von potenziellen Partnern. Schmetterlinge sind in der Lage ein Weibchen kilometerweit zu orten. Schon wenige Moleküle des Lockstoffs, das ein Weibchen versprüht, genügen. Je intensiver der Duft, umso näher das Weibchen. Also bewegt sich der Falter Richtung Duftintensität, bis er das Weibchen findet. Mit seinen Fussspitzen kann der Falter das Blatt, auf dem er sitzt, schmecken und so Futter aufspüren. Und auch die «Ohren», die sogenannten Tympanalorgane, sind aussergewöhnlich. Tagfalter hören heranfliegende Vögel, die sie fressen wollen. Nachtfalter können zudem Ultraschallrufe von Fledermäusen wahrnehmen; sie drehen dann ab oder gehen in einen Sturzflug über, der ihnen das Leben retten kann. Manche Fledermäuse haben den Trick allerdings durchschaut. Sie «flüstern» auf der Jagd, so dass die Falter sie nicht hören.

Inzwischen haben die Kleinen Füchse des Naturzentrums Thurauen den Flug ins neue Leben angetreten, begleitet von staunenden Kinderaugen. Mit knapp 50 km/h können sie bis zu 500 km täglich fliegen. Im Herbst wandern sie Richtung Süden und erreichen bei optimalen Bedingungen Afrika in einer Woche. Erstaunlich, oder?

> Lesetipp: Artikel aus der Zeit «Schmetterlinge gibt es seit mindestens 210 Millionen Jahren»
> Aktuelle Arten in den Thurauen und auf dem Erlebnispfad